Der Ordner
Ein Lieferant. Vier Dokumente.
| Vertrag_final.pdf | geändert 12.03. |
|---|---|
| Vertrag_final_v2.pdf | geändert 14.03. |
| Vertrag_final_echt.pdf | geändert 02.05. |
| Nachtrag_neu_scan.pdf | geändert 17.09. |
Wer im Einkauf gearbeitet hat, kennt diesen Ordner, und niemand verteidigt ihn. Die übliche Antwort ist eine Namenskonvention — und es lohnt sich, genau zu sagen, warum die nichts löst.
Diese Dateien wurden nicht aus Nachlässigkeit so benannt. Sie wurden von vier Menschen zu vier Zeitpunkten benannt, von denen jeder genau wusste, welches Dokument gerade galt. Die vierte ist ein Scan — ein Nachtrag, der auf Papier kam und abfotografiert wurde. Mit den drei Dokumenten darüber verbindet ihn nichts außer dem Ordner.
Was tatsächlich auf dem Spiel steht
Die Frage ist selten, welche Datei die neueste ist. Sie lautet: Wie lang ist die Kündigungsfrist, wann endet die Laufzeit, und in welchem Dokument steht das.
In diesem Ordner steht die Antwort in derjenigen der vier Dateien, die sie zufällig enthält — womöglich geändert durch einen Scan, den seit September niemand geöffnet hat. Steht die Kündigungsfrist im Original und wurde die Laufzeit im Nachtrag verlängert, liegen die beiden Hälften der Antwort in zwei Dateien, die nichts verbindet.
Eine Kündigungsfrist, die niemand beobachtet, verstreicht nicht einfach. In den meisten Liefer- und Dienstleistungsverträgen verlängert sie den Vertrag um eine weitere Periode. Was dieser Ordner kostet, ist nicht Verwirrung. Es ist ein Vertrag, der weiterläuft, weil die Frist an einem Dokument hing statt an einem Prozess.
Ein Datensatz, alle Versionen
Im Prozessmodell ist die Vertragsbeziehung der Datensatz, nicht der Ordner:
| Vertragspartner | Muster GmbH |
|---|---|
| Kündigungsfrist | 3 Monate |
| Laufzeit bis | 31. Dezember |
| Aktuelle Version | Version 3 plus ein Nachtrag |
Alle vier Dokumente sind weiterhin da. Sie hängen am Datensatz, statt nach Dateinamen sortiert zu sein, und welches gilt, ist eine Eigenschaft des Vertrags und nicht der Ordnerliste. Der gescannte Nachtrag ist kein loses Objekt mehr, sondern die Version von etwas.
Der Alarm kommt vor der Frist
Eine Frist, die sich am Tag ihres Ablaufs meldet, hat nichts gemeldet. Im Modell ist die Benachrichtigung ein eigener Schritt — bei neunzig, sechzig und dreißig Tagen — und sie geht an die im Modell hinterlegte Rolle, nicht an denjenigen, der die Datei zufällig angelegt hat.
Sie sagt, worum es geht, was passiert, wenn niemand handelt, und bis wann: Die Kündigungsfrist für den Wartungsvertrag endet am 30. September, danach verlängert sich der Vertrag. Jeder Alarm und jede darauf getroffene Entscheidung wird protokolliert.
Die nächsten neunzig Tage
Weil die Frist am Datensatz hängt, lässt sich der Bestand als Ganzes lesen — zwei Fristen innerhalb von dreißig Tagen, zwei in Prüfung, acht im Plan:
| Vertrag | Kündigung bis | Status |
|---|---|---|
| Wartungsvertrag Anlage 4 | 30. September in 14 Tagen | Dringend |
| Mietvertrag Lager Nord | 15. Oktober in 29 Tagen | Dringend |
| Leasing Fuhrpark | 30. November in 75 Tagen | In Prüfung |
| SLA Rechenzentrum | 5. Dezember in 80 Tagen | Im Plan |
| Rahmenvertrag Einkauf | 15. Dezember in 90 Tagen | Im Plan |
Beispieldaten, Auszug aus einem Bestand von zwölf Verträgen.
Was es nicht ist
Das ist kein Dokumentenmanagement, das ordentlicher ablegt. Ein Dokumentenmanagement legt die vier Dateien sauber ab, vermutlich mit Versionsnummern. Es weiß trotzdem nicht, dass der 30. September ein Datum ist, an dem jemand etwas tun muss, wer dieser Jemand ist und was folgt, wenn er es nicht tut.
Eine Frist ist ein Prozesszustand, kein Dateimerkmal. Darin liegt der ganze Unterschied. Und weil der Zustand im Modell steht, ist eine Änderung eine Änderung am Modell: eine andere Kündigungsfrist, ein Freigabeschritt, bevor eine Kündigung hinausgeht, ein zweiter Prüfer ab einem bestimmten Vertragswert.
Wie behalten Sie den Überblick, wenn der dritte Nachtrag zu einem Rahmenvertrag eintrifft?
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Bringen Sie einen echten Prozess mit.
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